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 Betreff des Beitrags: Re: Andreas Tögel
BeitragVerfasst: 30. Dezember 2019, 13:05 
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Neues Sturmgewehr für die Bundeswehr

Die Suche der deutschen Armee nach einer „eierlegenden Wollmilchsau“

Die Niederlage der österreichischen Nordarmee bei Königgrätz im Jahr 1866 führte die Bedeutung effizienter Infanteriewaffen drastisch vor Augen. Die von Helmuth von Moltke geführten Preußen verfügten damals über moderne Hinterlader, das „Zündnadelgewehr“, System Dreyse, während die Österreicher mit dem zwar präziser und weiter, aber mit weit geringerer Feuerfolge schießenden Lorenz-Vorderlader ausgerüstet waren. Der taktische Vorteil des Hinterladers besteht neben dem geringeren Zeitaufwand zum Nachladen darin, dass der Ladevorgang liegend vorgenommen werden kann, während Vorderladerschützen zum Laden aufstehen oder zumindest eine hockende Haltung einnehmen müssen – und somit ein gutes Ziel bieten.

Seit dem Deutschen Krieg hat sich auf dem Gebiet der Infanteriebewaffnung viel getan. Die Umstellung von Schwarzpulver auf rauchlose Treibladungen („Nitropulver“) und die Einführung der heute noch gebräuchlichen Metallpatronen setzten Meilensteine. Mit den modernen Pulverladungen gingen eine deutliche Steigerung der Geschossgeschwindigkeit und eine drastische Kaliberreduktion einher – von zuvor 15,43 Millimetern beim Dreyse-Gewehr auf 7,92 Millimeter beim Mauser-Gewehr 98.

Die Ära der mechanischen Repetiergewehre in starken Kalibern mit großer Reichweite reichte bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Wehrmacht nutzte bis Kriegsende den Mauser Karabiner 98, einen fünfschüssigen Repetierer mit Zylinderverschluss im heute noch jagdlich gebräuchlichen Kaliber 8x57 IS. Die US-Armee verfügte zu dieser Zeit bereits über Selbstladegewehre des Typs Garand M1, der den Springfield M1903-Repetierer im gleichen Kaliber (.30-06 – leistungsmäßig der deutschen Patrone 8x57 IS ebenbürtig) abgelöst hatte. Der Umstieg auf automatische Infanteriewaffen brachte eine enorme Steigerung der infanteristischen Feuerkraft mit sich, rief aber auch, bedingt durch den erhöhten Munitionsverbrauch, neue Herausforderungen für die militärische Logistik hervor.

Die deutsche Bundeswehr führte ab 1959 das Sturmgewehr Heckler & Koch G3 ein, eingerichtet für die Nato-Patrone 7,62x51. Die zuverlässige und präzise schießende Waffe wurde auch in einigen anderen Armeen verwendet und in 15 Staaten in Lizenz produziert.

In den USA kam es 1967 während des Vietnamkriegs zum Umstieg von der Selbstladebüchse Springfield M14 im Kaliber .30-06 auf das wegen anfänglicher Qualitätsmängel berüchtigte, von Colt Defense produzierte Sturmgewehr M16, das für die Patrone 5,56x45 eingerichtet ist, die ab 1980 zum neuen Nato-Standard wurde.

Die deutsche Bundeswehr hielt indes noch lange an der „alten“ Nato-Patrone und dem G3 fest. Erst 1997 kam es zum Umstieg auf das ebenfalls von Heckler & Koch entwickelte Sturmgewehr G36 im neuen Nato-Kaliber. Der Vorteil der kleineren Munition besteht im viel geringeren Rückstoß und darin, dass der Schütze bei gleichem Munitionsgewicht etwa die dreifache Zahl an Patronen mitführen kann.
Ursula von der Leyen mal wieder ...

Nachdem sich die Truppe – auch bei Kampfeinsätzen in Afghanistan – mit den Leistungen des G36 zufrieden gezeigt hatte, tauchten vor einigen Jahren Berichte über mangelhafte Trefferbilder bei heißgeschossenen Waffen auf, was schließlich – ohne die Ergebnisse technischer Überprüfungen abzuwarten – zum Entschluss der Verteidigungsministerin von der Leyen führte, die Waffe zu ersetzen. Seit April 2017 läuft die Ausschreibung, und die könnte sich hinziehen, da bislang alle eingereichten Angebote durchgefallen sind.

Wieder wird – wie einst bei den F-104-Starfightern unseligen Andenkens – eine „eierlegende Wollmilchsau“ gefordert: Das Gewehr soll alle Erfordernisse sämtlicher Waffengattungen abdecken, robust und leistungsstark sein und dabei unter 3,6 Kilogramm wiegen – was etwa so einfach ist, wie einen Mittelklassewagen zu konstruieren, der 1,5 Liter Diesel auf 100 Kilometern verbraucht.
Fazit: Wo Steuergeld im Spiel ist, werden suboptimale Entscheidungen getroffen. Immer. Überall. Im Fall des Nachfolgers des bewährten G36 ist es nicht anders als damals bei Königgrätz. Es geht heute um immerhin 245 Millionen Euro.

Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv dort publizierten Beiträgen in der Jan.-Feb.-Ausgabe
eigentümlich frei Nr. 199.


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 Betreff des Beitrags: Re: Andreas Tögel
BeitragVerfasst: 18. Februar 2020, 19:06 
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Registriert: 4. Januar 2006, 21:32
Beiträge: 263
Waffenrichtlinie und Rechtssicherheit

Rückwirkende Eingriffe des Gesetzgebers in bestehende Rechtsverhältnisse sind problematisch. Totale Konfusion kann die Konsequenz unbedachter Initiativen sein, wenn bestimmte Sachverhalte nicht hinreichend berücksichtigt werden.

Die Rede ist von einer in nationales Recht umzusetzenden Vorgabe der Europäischen Union (Richtlinie 2017/235), in der sich die Nomenklatura um die Gefährlichkeit von Magazinen mit großem Fassungsvermögen sorgt. Von der Richtlinie betroffen sind Magazine für Waffen der Kategorie B – also solche für Selbstladepistolen und –Büchsen. Für erstere wird das zulässige Fassungsvermögen auf 20, für letztere auf 10 Patronen limitiert. Seit Mitte Dezember sind derartige Teile aus den Angeboten des (legalen) Waffenfachhandels verschwunden. Ab sofort fallen „große“ Magazine in die „Kategorie A“ – Kriegsmaterial und verbotene Waffen. Simple Blech- oder Plastikteile, von denen keinerlei Gefahr ausgeht, werden vom Gesetzbegeber somit Panzerfäusten und Feldhaubitzen gleichgestellt. Genial!

Besondere Probleme ergeben sich aus der rechtlichen Behandlung jener Magazine, die von ihren Besitzern vor Inkrafttreten der Richtlinie rechtmäßig erworben wurden und die nun zu verbotenem Kriegsmaterial werden. Wird man dieser Tage bei den für Waffenangelegenheiten zuständigen Behörden Auskunft heischend vorstellig, stößt man auf Ratlosigkeit. Die Beamten verschanzen sich hinter Hinweisen auf lange Übergangsfristen (die Rede ist von zwei Jahren), binnen derer alle Details des Umgangs mit diesen nun illegalen Waffenteilen geklärt werden sollen. Es sei davon auszugehen, dass an bestehendem Besitz nicht gerüttelt wird – an Enteignungen sei nicht gedacht. Man weiß aber nichts Genaues. Wenn das Problem mit dem von den Behörden in Waffenangelegenheiten bisher gezeigten Sachverstand angegangen wird, sind jedenfalls die schlimmsten Befürchtungen gerechtfertigt.

Tausende Waffenbesitzer, die sich nicht der Mühe unterziehen, jeder Laune des Gesetzgebers Aufmerksamkeit zu schenken, werden von der Änderung keine Kenntnis erlangen und daher durch diese Kapriole des Gesetzgebers unwissentlich in die Kriminalität gedrängt. Denn der Besitz von verbotenen Waffen oder Kriegsmaterial stellt nämlich keine bloße Verwaltungsübertretung dar, sondern bildet einen Straftatbestand. Wer nach einem Beispiel sucht, wie man aus rechtschaffenen Bürgern Kriminelle macht: hier ist es.

Abgesehen davon steckt der Teufel auch in den Details der EU-Richtlinie. Sie richtet sich, wie gesagt, gegen „große“ Magazine für halbautomatische Waffen. Nun bietet der einschlägige Handel aber zahlreiche Zubehörteile an – unter anderem Magazine –, die gleichermaßen in Waffen der Kategorie C (Büchsen ohne Selbstladefunktion), wie auch in solche der Kategorie B passen. Als Beispiel sei die Remington 7615 Police Repetierbüchse genannt, die Magazine der halbautomatischen Büchse AR 15 aufnehmen kann – auch solche mit einem Fassungsvermögen von 20 oder mehr Patronen. Der Besitz solcher Magazine für ein Repetiergewehr bleibt weiterhin gesetzlich unbedenklich und ist wohl auch nicht meldepflichtig. Schafft sich deren Eigentümer aber nun eine Kategorie-B-Waffe an, die diese Magazine ebenfalls aufnehmen kann - was dann? Mutiert dadurch der Halbautomat zum Kriegsmaterial? Oder billigt der Gesetzgeber dem Eigentümer zu, diese Magazine ausschließlich an seine C- nicht aber an seine B-Waffe anzustecken?

Wie rasch die Angebotsseite auf Gesetzesänderungen reagiert, wird übrigens daran deutlich, dass – kaum dass die Richtlinie in Kraft ist – auch schon Waffen auftauchen, die die neuen Regeln unterlaufen. Die Rede ist etwa vom Tavor „Bullpup“-Gewehr israelischer Provenienz, die mit einer Länge von nur 59 cm nicht als Büchse, sondern als Faustfeuerwaffe gilt und für die daher „lange“ Magazine (mit bis zu 20 Schuss Kapazität) weiterhin zulässig sind.

Dass sich um die beschriebenen Einschränkungen gewaltbereite Gangster nicht im Geringsten scheren werden, liegt auf der Hand. Es geht daher – wieder – um eine Schikane für kreuzbrave Untertanen.

Beiliegender Text von Andreas Tögel ist soeben in der Ausgabe Nr. 200 des ef-Magazins erschienen.


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 Betreff des Beitrags: Re: Andreas Tögel
BeitragVerfasst: 18. Februar 2020, 19:21 
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Registriert: 4. Januar 2006, 21:32
Beiträge: 263
Die ganze Magazin-Materie ist noch lange nicht ausjudiziert. Es fehlt die WaffG-Durchführungsverordnung.

Wenn man gut unterrichteten Quellen Glauben schenken darf, dann ist die türkis-grüne Regierung aber gar nicht gewillt mit einer WG-DVO Rechtssicherheit zu schaffen. Man wartet lieber zu, um so Waffenbesizter, die sich im Gesetzesnetz verfangen, mit brutaler Härte des Gesetzes zu entwaffnen.


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